Als Interpretation eines lyrischen Textes bezeichnet man eine systematisch vorgehende, hermeneutisch (also verstehensorientiert) ausgerichtete Annäherung an ein Gedicht. Im Deutschunterricht der Sekundarstufe wird das Verfahren – in einer meist noch sehr lockeren Form – ausgiebig geübt. Nicht selten wird dabei eine Mischung aus stilistischer Analyse (Untersuchung der Metrik, der Reimformen, der auffälligsten verwendeten Stilmittel) und literaturgeschichtlich operierender Untersuchung angestrebt, bei letzterem wird auf die sozialgeschichtliche Einbettung des lyrischen Textes, auf biographisches Hintergrundwissen über den Autor oder die genaue literaturgeschichtliche Verortung des Textes innerhalb einer literarischen Phase zurückgegriffen. Bekannte Beispiele von Gedichtinterpretationen finden sich in Interpretationsausgaben von Reclam und in der mittlerweile weitläufig bekannten, von Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen „Frankfurter Anthologie“.

Der Anteil der stilistischen Analyse an der Gedichtinterpretation ist dabei weitgehend systematisiert, wenn auch der lyrische Text gerade in seiner freien, modernen Form einer strengen Systematik sich zu versperren scheint. Doch auch das reimlose, formal frei erscheinende Gedicht ermöglicht stilistische Analysen verwendeter Wortfelder und -formen der vorherrschenden Sprachebene oder sogar – wie z.B. beim konkreten Gedicht – selbst seiner Konsonanten- oder Vokallastigkeit. Analysen von Texten aus Epochen, die zu stärkeren Formalisierungen der Lyrik neigten (z.B. des barocken Sonetts) verlangen jedoch ausreichende Kenntnis der häufigsten poetischen Figuren, Versmaße, Strophenformen und Reimfolgen.

Die Erwartung an die Komplexität einer Gedichtinterpretation richtet sich also an Alter und Leseerfahrung des Interpreten: während in der Sekundarstufe durch mehrmaliges Lesen des zu interpretierenden Gedichts die sich erschließenden Assoziationen relativ frei geweckt werden sollen und eine geschichtliche Grundkenntnis für die historische Einbettung, mit eventueller Vertiefung durch den Blick in ein geeignetes Literaturlexikon, für das Gelingen der Interpretation ausreichend ist, wird in Studium oder der beruflichen germanistischen Tätigkeit bei der analytischen Annäherung an den literarischen Text naturgemäß mehr erwartet: das Werk des Autors über den interpretierten Text hinaus sowie die bereits vorhandene Sekundärliteratur zu kennen, ist dabei ebenso eine Selbstverständlichkeit wie die weitergehende Kenntnis epochentypischer Merkmale und sozialgeschichtliches Hintergrundwissen: selbst die sogenannte „werkimmanente“ Analyse, die aus der Annahme der Autonomie des Gedichts heraus interpretiert, kann auf die Einrahmung durch geschichtlichen und biografischen Hintergrund bei Einleitungen und Schluss-Sequenzen nicht völlig verzichten.

Trotzdem: gerade in der schulischen Phase ist das Schreiben einer Interpretation noch eine lockere Form der Annäherung an ein Gedicht, die das Verständnis lyrischer Texte schult, noch relativ offen individuelle Assoziationen zulässt und damit Leseerfahrung wie Phantasie anzuregen imstande ist. Gerade für den schulischen Gebrauch sind Anleitungen für Gedichtinterpretationen, die sich in Unterrichtsbüchern finden, durchaus nützlich. Die wichtigsten Merkmale einer Gedichtsinterpretation werden hier zusammengefasst: dazu gehört beispielsweise die Trennung zwischen individuellem, aber objektiv nachvollziehbar beschriebenem Verständnis des lyrischen Textes von puren Meinungen oder Geschmacksfragen, die in einer Interpretation nichts verloren haben oder die vom Interpreten erwartete Struktur einer Interpretation (Unterteilung in Einleitung, Hauptteil und Schluss) sowie eine Aufzählung wichtigster poetischer Stilmittel.

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